Suchen

Frankfurter Rundschau 28.06.2008 (Andrea Mertes)

Ausländische Studierende brauchen intensivere Betreuung an den hiesigen Hochschulen

Nein, mit einer Anekdote über ausländische Studenten kann Martin Bickl nicht dienen. Dabei sitzt er als Leiter des International Office der Universität Frankfurt an der Quelle der Geschichten - und davon gäbe es reichlich:

Fast jeder zweite ausländische Student bricht sein Studium in Deutschland ab. Das hat das Hochschul-InformationsSystem HIS im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD errechnet.

Eine alarmierend hohe Quote. Doch bei Bickl klingelt keiner von ihnen durch, um über seine Motive für einen Studienabbruch zu sprechen. Bickl kann sich deshalb nur auf Beobachtungen verlassen. Zum Beispiel, dass Asiaten niemals öffentlich ihren Dozenten herausfordern würden: „Das gilt schlicht als unhöflich." Und dass sie in schriftlichen Arbeiten gerne Wort für Wort ihren Professor zitieren, ohne Quellennachweis: „Das ist in den Augen des Studenten als Kompliment gemeint." Die Frage ist: Schafft es der ausländische Gast, sich zu integrieren - oder gibt er auf?

20 Prozent der Frankfurter Studenten sind Ausländer. Neben der Sorge, die Klausuren zu bestehen und das Studium finanzieren zu können, beklagen rund 40 Prozent den mangelnden Kontakt zu deutschen Studenten und Professoren. Zu diesen Zahlen kommt die HIS-Untersuchung, deren Forscher 2 000 ausländische Studenten in Aachen und München befragt haben. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Knapp ein Drittel der befragten Ausländer weiß gar nicht, dass es Angebote zur Kommunikationsförderung gibt. Solche, wie sie das International Office der Goethe-Universität reichlich im Programm hat.

So vermittelt der internationale Dienst Bewerberberatungen und so genannte Sprachtandems, bei denen sich deutsche und ausländische Studenten gegenseitig ihre Muttersprache beibringen. Im Wellcome-Projekt übernehmen heimische Studenten eine Patenschaft für einen Ausländer, erklären ihm, wie eine Buchausleihe funktioniert und wo man abends Fußball spielen kann. Neben dem International Office gibt es außerdem das Internationale Studienzentrum, das unter anderem Deutschkurse organisiert, das Studentenwerk, das sich um Wohnheime und Mensen kümmert, die Fachbereiche und den Asta - sie alle bieten Programme und Unterstützung für ausländische Studenten.

Bildung langfristig überprüfen
„Die deutsche Lehrkultur anzunehmen, ist für Auslandsstudenten nicht selbstverständlich", erklärt Ulrich Heublein, Projektleiter der HIS-Untersuchung. In ihren Heimatländern würden Studenten in entsprechende Maßnahmen eingegliedert, die Teilnahme sei Pflicht. In Deutschland muss sich der Student entscheiden, ob er zur Sozialberatung geht oder das Seminar über wissenschaftliches Arbeiten besucht. „Für Chinesen ist das nichts", so Heublein.

Chinesische Studierende sind nicht die einzigen, die Probleme mit der deutschen Vita academica haben - aber sind mit 26 000 Studierenden an deutschen Hochschulen die größte Ausländergruppe. Und damit ein Indikator.

Die hohe Abbrecherquote hat Folgen für das Ansehen des Wissenschaftsstandortes. Wirtschaftsexperten sind sich sicher: Die Bundesrepublik benötigt ausländische Absolventen, um den Nachwuchsbedarf zu decken. Ebenso wichtig ist es, junge Menschen auszubilden, die nach dem Studium in ihre Heimat zurückkehren, um dort zur Stütze für die deutsche Wirtschaft zu werden. Die Internationalisierung der Hochschulen fördert dazu den Wissensvorsprung deutscher Studenten.

Ulrich Heublein rät deshalb, auf Auslandsstudenten zuzugehen, sie intensiver zu betreuen als in Deutschland eigentlich üblich, sie mit Anleitung zur Selbstständigkeit führen. Wünschen würde der Forscher sich außerdem, dass er eines Tages nicht nur die immatrikulierten Studenten befragen kann, sondern auch solche, die längst fort von der Uni sind. „Ich würde es begrüßen, wenn es eine Exmatrikuliertenstudie gäbe", sagt er. „Denn wir wissen ja gar nicht, ob wir den Auslandsstudenten das Richtige beibringen."

Additional information