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Am Freitag, den 30.03.2012, lud die OMNIBUS gGmbH zu einer äußerst interessanten und ambitionierten Abendveranstaltung ein. Unter dem Titel "Demokratie neu denken. Der neue Arbeitsbegriff und das Grundrecht auf Einkommen" hielten Götz Werner und Johannes Stüttgen in der Berger Kirche in der Altstadt in Düsseldorf, Bergerstraße 18b, ab 18:30 Uhr einen Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde.

Ein Zufall führte mich im Vorfeld zu dieser Veranstaltung. Ich war etwa eine Woche zuvor in der Nähe der Filmgalerie in Bilk unterwegs, als mir ein Plakat auf der gegenüberliegenden Straßenseite blitzartig ins Auge fiel. Auf dem Plakat wurde eine Vortragsveranstaltung mit Götz Werner und Johannes Stüttgen angepriesen. Schon seit längerer Zeit beschäftige ich mich mit den Ideen von Götz Werner. Von Johannes Stüttgen hatte ich auch bereits gehört, nur konnte ich seinen Namen nicht direkt einordnen. Er ist Meisterschüler von Joseph Beuys und engagiert sich seit vielen Jahren für direkte Demokratie in Deutschland, wie ich später herausfand. Götz Werner live in Düsseldorf zu erleben, das ist doch mal was, dachte ich mir. Der große alternative Unternehmer, geprägt durch das Denken von Rudolf Steiner, Gründer und Aufsichtsrat des dm-Drogeriemarktes, mit über 2536 Filialen in elf europäischen Ländern vertreten, und Mitbegründer der Initiative "Unternimm die Zukunft", die sich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzt. Also kramte ich prompt mein Smartphone aus der Tasche und notierte mir den Termin in mein virtuelles Notizbuch :-)

Die Ideen überschlugen sich daraufhin in meinem Hirn. Die beiden Themen, die von der gemeinnützigen Organisation OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE auf dem Plakat angeworben wurden, nämlich zum einen die Idee der direkten Demokratie, zum anderen das bedingungslose Grundeinkommen, passten inhaltlich gut zu unserem Portal und Börse für Bürger-Engagement. Warum eigentlich? Stellen Sie sich einmal vor, von heute an würde sich niemand mehr im kulturellen oder sozialen Bereich engagieren. Deutschland hätte ein echtes Problem. Schon jetzt sind viele Kommunen und Städte rigoros überfordert, wenn wir mal von solchen Städten wie Düsseldorf absehen, die finanziell noch sehr gut aufgestellt sind. Auf der anderen Seite, und zwar im Bereich der gewerblichen Tätigkeiten, spiegelt sich diese Problematik wider. Denken Sie einmal darüber nach: Wie viele Nachhilfelehrer, die sich für Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Milieus einsetzen, und Krankenpfleger arbeiten für sehr wenig Geld? Zu viele, oder? Beispiele dieser Art lassen sich endlos fortführen. Die Vermutung: Die Arbeit am Menschen wird häufig nicht gebührend gewürdigt.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens

Hier setzt nun der Gedanke von Götz Werner ein, und zwar die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Zugegeben, auch ich war zunächst skeptisch, denn die kritische Gegenfrage liegt ja absolut auf der Hand: Wie könnte diese Idee finanziert werden, wenn diese in die Praxis umgesetzt werden würde? Wäre der Staat in finanzieller Hinsicht nicht vollkommen überfordert mit deren Realisierung? Auch ein Rechenexempel. Werners Vorschlag in Kurzform.

Zu meiner Überraschung stellte ich nach einer längeren Recherche fest, dass dieses "sozialpolitische Finanztransfermodell", wie es so schön im Fachjargon heißt, nicht nur in Deutschland zur Debatte steht, sondern u. a. auch neben Deutschland in Österreich, der Schweiz und in Frankreich. Das Modell von Götz Werner sieht in diesem Zusammenhang vor, die Finanzierung des Grundeinkommens durch die allmähliche Abschaffung der Einkommenssteuer und der gleichzeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als "Konsumsteuer" auf 100 % zu ermöglichen. 1.000 Euro für jeden. Im Gegenzug würden nach diesem Modell zufolge aktuell bestehende Formen der bedingten Grundsicherung, wie etwa Hartz IV, komplett wegfallen.

Der kluge Kolumnist Frank Wiebe hat diese Idee in ihren wirtschaftlichen und politischen Implikationen erst kürzlich für das Handelsblatt kommentiert. Der Zusammenhang zum ehrenamtlichen Engagement besteht insofern, als dass diese Idee vor allem auf engagierte Bürger zugeschnitten ist, die nicht mehr einem "traditionellen Sozialkonzept" zugerechnet werden können. Das sind Menschen, deren Anzahl in Zukunft wahrscheinlich noch drastisch ansteigen wird. Menschen, "die abwechselnd selbstständig, in Teilzeit, in vorübergehenden Jobs, in der Familie oder vielleicht sogar ehrenamtlich tätig sind", wie Frank Wiebe in seinem Kommentar "Das bedingungslose Grundeinkommen ist ultraliberal und sozial" vom 02.04.2012 im Handelsblatt geschrieben hat. Die Rede ist von sogenannten "gebrochenen" Erwerbsbiografien, die gerade im Ehrenamt immer häufiger anzutreffen sind, insbesondere bei jüngeren Menschen.

Gehen wir nun gemeinsam noch einen Schritt weiter. Der Milliardär und Visionär Götz Werner hat mit seiner Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zunächst Erfahrungen in seinem eigenen Unternehmensumfeld gesammelt. Diese Erfahrungen sind evident und empirisch grundiert. Es handelt sich also nicht um den Hokuspokus eines sozial engagierten Vorzeigeunternehmers. "Das ist eine höchstpersönliche unternehmerische Erfahrung", sagt er. "Dass man sehr bald dahinter kommt, dass der Mensch nicht das Einkommen bekommen hat, weil er gearbeitet hat, sondern dass er das Einkommen braucht, um arbeiten zu können." Es dauert einen Weile, bis man die Tragweite dieses Gedankens erfasst hat. Es lohnt sich jedoch definitiv, einmal genauer über diesen mentalen Umkehrungseffekt nachzudenken. Es geht bei diesem Gedanken so etwas wie eine kleine kopernikanische Wende im Kopf ab. Konventionell gehen wir nämlich vom Gegenteil aus. Nach Werner ist aber nicht die Arbeit die Voraussetzung für das Grundeinkommen, sondern eben genau umgekehrt. Das Einkommen ist die Grundvoraussetzung, um tätig zu werden. "Wenn ich kein Einkommen habe, kann ich nicht leben. Wenn ich nicht leben kann, kann ich nicht arbeiten. Wenn ich mich entwickeln will, brauche ich die Arbeit", so Götz Werner.

Kunst als Basis des Engagements

Freitag, der 30.03.2012, kurz vor 16:30 Uhr. Ich bin auf dem Weg zur Pressekonferenz mit Götz Werner und Johannes Stüttgen am Düsseldorfer Grabbeplatz vor dem Museum K20, Aktionstag mit dem OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE, eine der ältesten Bürgerinitiativen Deutschlands, die von Johannes Stüttgen und Brigitte Krenkers begründet wurde.

Tour durch Deutschland. Der Omnibus für direkte Demokratie

Im Vorfeld hatte ich bereits mit Andrea Adamopoulos telefoniert, die sich seit sieben Jahren für diese Initiative engagiert und zuständig ist für den Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ich sehe sie bereits aus der Ferne vor dem Bus am Grabbeplatz stehen. Sie ist heute meine erste Ansprechpartnerin. Vor dem Bus tummeln sich schon einige Journalisten. Ich komme mit einzelnen Menschen ins Gespräch. Es ist die Rede von Beziehungen zwischen Wirtschaft und Kunst. Da werde ich hellhörig und neugierig. Innovation braucht Freiraum und Querdenkertum, so wie bei Götz Werner. Auf der anderen Seite geht es immer wieder um Zeitmanagement, Optimierung und Kostenreduktion. Wie denkt man beide Aspekte zusammen, um die Entwicklung eines Unternehmens voranzubringen? Ich weiß es nicht. Gibt es alternative Wege?

Im Bus selber ist Herr Stüttgen zu sehen, der gerade interviewt wird. Die Rheinische Post ist vertreten und das Handelsblatt, um ein paar Beispiele zu nennen. Die Veranstaltung wurde bewusst nicht groß in den Medien kommuniziert, wie mir Frau Adamopoulos mitteilt. Es ist gemütlich – überschaubar. Im Bus gibt es Apfelkuchen und Stullen, und, man kann es sich wahrscheinlich schon denken, eine Menge Kaffee. Alle warten gespannt auf die Ankunft von Götz Werner. Schließlich erscheint Herr dm, ganz unprätentiös und sympathisch.

Dann beginnt schließlich die Pressekonferenz. Auf engstem Raum sitzen wir im Omnibus beieinander. Ich habe schräg gegenüber von Götz Werner und Johannes Stüttgen Platz genommen, neben mir sitzt ein Journalist mit einem Notizblock. Die Herren fangen an zu reden und stellen kurz ihre Ideen vor: Bedingungsloses Grundeinkommen und direkte Demokratie sind die Themen. Götz Werner erzählt solche Dinge wie: "Der Verbraucher ist der Mitmensch auf gleicher Augenhöhe" – das Erfolgsrezept von dm –, wenn man das so sagen kann. "Das Geld kommt dann von ganz alleine, aber nicht als Voraussetzung, sondern als Folge." Wir erinnern uns: Ein gewisser Zusammenhang zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens besteht. Das Einkommen ist die Grundvoraussetzung, um tätig zu werden, um sich zu entwickeln. Wie das Vertrauen der Kunden als Mitmenschen den Grundstock für die Entwicklung eines Unternehmens bildet, so ist das Grundeinkommen die Voraussetzung für die individuelle Entfaltung. Da wäre aber noch ein anderer wesentlicher Aspekt mit im Spiel, nämlich die Verbindung zur Kunst – das große Thema von Johannes Stüttgen.

Arbeit ist Kunst. Denn nur wenn ich selbstbestimmt handel und ganzheitlich denke, erfasse ich den künstlerischen Gehalt der Arbeit. "Freizeit wird hier nicht abgekoppelt von der Arbeit", sagt Stüttgen. Es geht um einen erweiterten Arbeitsbegriff. Eben nicht um Work-Life-Balance. Das Grundeinkommen ist die Voraussetzung dafür, dass wir diesen Zusammenhang würdigen können. Erst dann fängt die Entwicklung an, die Gestaltung, die auf Entfaltung, Selbstbestimmung und Teilhabe beruht. Götz Werner geht diesen Weg konsequent bei dm. Ein Beispiel dafür ist sein Ausbildungskonzept. Alle Auszubildenden bei dm absolvieren während ihrer Ausbildung zwei Mal ein achttägiges Theaterprojekt. Sie haben richtig gehört: Auszubildende im Drogeriegeschäft machen zusammen Theater. An dieser Stelle ist die Verbindung zur Kunst offensichtlich. Und die Kunst bildet auch den gemeinsamen Bezugspunkt von Werner und Stüttgen innerhalb ihres Engagements.

Als die beiden Herren mit ihren kurzen Vorträgen fertig sind, geben sie das Wort an die Journalisten weiter und bitten um Fragen. Auch ich nehme die Gelegenheit freudig wahr. Meine Frage: Es geht also um den Weg von der Fremd- zur Selbstbestimmung? Die Antwort ist eindeutig: Ja!

Beuys verpflichtet: Johannes Stüttgen und der erweiterte Kunstbegriff

Freitag, der 30.03.2012, kurz vor 18:30 Uhr. Gleich fängt der Vortrag an – "Demokratie neu denken. Der neue Arbeitsbegriff und das Grundrecht auf Einkommen". Auf dem Weg zur Berger Kirche in der Altstadt in Düsseldorf, Bergerstraße 18b, begegne ich erneut auf dem Weg dorthin Herrn Stüttgen, Frau Adamopoulos und einigen anderen Personen, die mit der Initiative OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE zu tun haben. In der Kirche angekommen, füllt sich der Ort für geistige Begegnung relativ schnell. Nach nur kurzer Zeit ist die Kirche rappelvoll und bis auf den letzten Platz besetzt. Hunderte von Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und zahlreiche Vertreter der hiesigen Presselandschaft sind in den Raum hineingeströmt. Es ist auch der Ort, wo die Ringgespräche stattfinden.

Seit dem 24.3.2011 finden immer Donnerstags um 19 Uhr in der Berger Kirche Ringgespräche mit dem Beuysschüler Johannes Stüttgen statt, mit Ausnahme der Schulferien. Themen des vom OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE initiierten Arbeitskreises sind u. a. der erweiterte Kunstbegriff, Zusammenhänge zwischen Kunst und Wirtschaft, neues Denken und Bewusstseinsschule. Jeder ist herzlich eingeladen!

Die PIRATEN und das bedingungslose Grundeinkommen

Die Idee der direkten Demokratie hat ebenso wie das bedingungslose Grundeinkommen viel mit Veränderung, Selbstbestimmung und Entwicklung zu tun. Wie Sie wissen, leben wir in Deutschland nicht in einer direkten, sondern in einer repräsentativen Demokratie. Nach Götz Werner und Johannes Stüttgen steht die Arbeit an der Verwirklichung der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens und der direkten Demokratie für einen neuen Kulturimpuls und damit ebenso für eine neue Gesellschaftsform. Joseph Beuys nannte diese Art von Gesellschaftsform "Soziale Plastik". Übersetzt heißt das, dass jeder an der zukünftigen Form der Gesellschaft mitgestalten kann.

Diese Vorstellung ist gar nicht soweit hergeholt, wie es möglicherweise auf den ersten Blick erscheinen mag. An dieser Stelle besteht auch eine Verbindung zum bügerschaftlichen Engagement, denn es wird zunehmend klarer, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Es liegt also am Bürger selbst, Eigeninitiative zu ergreifen und eigenverantwortlich zu handeln. Wie wir derzeitig sehen, vergrößert sich tagtäglich der Mißmut gegenüber der Politik und jenen Zweigen der globalen Finanzwirtschaft, die den "Kasinokapitalismus" maßgeblich mit angefeuert haben. Zum Glück gibt es weltweit immer mehr Menschen, die diese Entwicklungen nicht einfach an sich vorüberziehen lassen. Die Occupy-Bewegung an der Wall Street in New York ist ein gutes Beispiel dafür. Das große Projekt für die Zukunft heißt demnach nachhaltige Veränderung. Schon heute können wir an diesem Projekt gemeinsam arbeiten. Als Übende sollten wir einfach mit der Gestaltung unserer Zukunft beginnen. Oder mit Beuys formuliert: "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Mehr zum Thema "Direkte Demokratie" gibt es hier: http://soundcloud.com/marcus-klug/marcus-klug_beitrag-und. Es handelt sich um einen Audiobeitrag mit eingestreuten Interviewpassagen. Das Gespräch zwischen mir und Johannes Stüttgen fand am Samstag, den 31.03.2012, in der Berger Kirche statt. An diesem Tag fand nach dem Vortrag "Demokratie neu denken. Der neue Arbeitsbegriff und das Grundrecht auf Einkommen" noch ein intensiver Workshop mit Johannes Stüttgen statt, und zwar in der Zeit von 11:00 bis 13:00 Uhr. Zu diesem Termin erschien auch Götz Werner.

Das Interview mit Johannes Stüttgen ist außerdem in Video-Form abrufbar unter folgendem Link: http://vimeo.com/40212730. Gefilmt und bearbeitet wurde der Video-Beitrag von Tomas Juriga. Unter der Adresse http://www.videodokumente.com/2012-03-30_OMNIBUS/ können auch die Original-Vorträge von Götz Werner und Johannes Stüttgen zu den beiden Themen "Bedingungsloses Grundeinkommen" und "Direktdemokratie" bezogen werden.

Falls Sie Anregungen zu diesem Beitrag haben sollten, schreiben Sie mir doch einfach eine E-Mail! Meine E-Mail-Adresse lautet: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Ich freue mich über Ihre Anregungen.

 

Weitere interessante und weiterführende Links:

http://www.omnibus.org
http://www.unternimm-die-zukunft.de/de
http://www.grundeinkommen.de
http://www.facebook.com/volksabstimmung/posts/163405350384904
http://vimeo.com/21791899

Und zum Schluss gibt es noch zwei sehr wertvolle Links, in denen es um ökonomische Zusammenhänge geht, deren Verständnis einem Aha-Erlebnis sehr nahe kommen:

http://www.youtube.com/watch?v=qgSntQ9CjnA

http://www.youtube.com/watch?v=j_UeAgm-45U

Foto: Omnibus für direkte Demokratie / http://www.omnibus.org/pressefotos.html

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