Suchen

Eigentlich sollte ich über den Kongress „Brücken bauen – Gemeinschaft zusammen gestalten" am 04. Dezember 2011 in Düsseldorf berichten. Meine Eindrücke wollte ich aufschreiben – Zeitfenster sieben Tage. Aus sieben Tagen sind mittlerweile sieben Wochen geworden. Während der Weihnachtsfeiertage und des Jahreswechsels habe ich über das Ende des europäischen Jahres der Freiwilligkeit nachgedacht. Seit 1983 ruft die EU europäische Jahre aus, darunter das Umweltjahr (1987) und das Jahr gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (1997). Bis auf das Jahr 2011 habe ich sie alle versäumt und ich könnte mir vorstellen, dass es nicht nur mir so geht.

Neunzehn Gründe sowie zwölf Artikel unterstreichen die Entscheidung für das europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft (2010/37/EG) vom 27. November 2009. Unter anderem wurden günstige Rahmenbedingungen für Freiwilligentätigkeiten in der EU angemahnt (Artikel 2.1). Darüber hinaus sollte die Anerkennung von Freiwilligenarbeit verbessert werden (Artikel 2.3) und die breite Öffentlichkeit für den Wert und die Bedeutung der Freiwilligentätigkeit sensibilisiert werden (Artikel 2.4). 

Die Menschen sind von überallher angereist, um zu diskutieren, Kontakte zu knüpfen und um ihr Engagement in den Vereinen zu präsentieren.

Fast genau, zwei Jahre nachdem diese Gebote vom Rat der Europäischen Union aufgeschrieben wurden, bin ich auf dem Weg zum Maritim Hotel. Ein seltsamer Ort für einen Kongress zum Thema Ehrenamt, ich hätte eher eine Freizeitanlage erwartet. Im Hotel angekommen, werde ich zum Ballsaal - dem „Markt der Möglichkeiten" - delegiert. Ich betrete einen kargen Raum mit ein paar Teilnehmern, die wirken, als ob sie sich verirrt hätten. Vor der Bühne sind runde Tische aufgereiht. Große Leuchter strahlen von der Decke auf die schweren Teppiche am Boden. Die Menschen sind von überallher angereist, um zu diskutieren, Kontakte zu knüpfen und um ihr Engagement in den Vereinen zu präsentieren. Gegenüber von der Bühne haben sich Vereine und Verbände wie Caritas, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband und DRK formiert. Man kann sich Flyer mitnehmen, an Gewinnspielen teilnehmen und mit den Menschen hinter den Ständen ins Gespräch kommen. Auch duesseldorf-aktiv.net hat einen eigenen Stand.

Die Moderatorin Beate Kowallik eröffnet den Begrüßungsmarathon. Seit 1998 beim WDR moderiert sie u.a. Westblick und WDR 5 Lebensart. Ihre professionelle Herzlichkeit wirkt nicht unangenehm auf mich. Sie nimmt das Publikum mit, dass in diesem riesigen Saal doch etwas verloren wirkt. Sie stellt den Sozialdezernenten der Stadt Düsseldorf vor. Peter Hintsche weist auf das bevorstehende Ende des europäischen Jahres der Freiwilligkeit hin und begrüßt besonders die niederländische Delegation. Das Land mit dem größten Seehafen Europas ist berühmt für seine Maler, Schnittblumen und Hausboote. Die Niederländer sind nicht nur federführend bei der Konstruktion schwimmender Häuser zum Leben mit den Gezeiten, sondern gehören auch zu den führenden Nationen Europas im ehrenamtlichen Engagement. Vielleicht wirken die Gezeiten sich positiv auf die Freiwilligkeit aus?

Prof. Klaus Schäfer, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport betont, dass dieser Kongress ein Dankeschön für die Ehrenamtlichen ist. Hat das europäische Jahr 2011 zu neuen Impulsen und Fragestellungen geführt? Welche Aufgaben stehen uns bevor? Wie gewinnt man junge Menschen für das Ehrenamt? Prof. Schäfer ist der Meinung, dass junge Menschen Kompetenzen gewinnen, sie leisten einen Beitrag für sich selbst sowie für die Demokratie – er nennt das einen intergenerativen Impuls. Besonders wichtig ist ihm eine neue Anerkennungskultur.

Michael Löher stellt sich als der „dritte Grüßonkel" vor. Er gehört zum Vorstand des deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. Ehrenamt darf kein Ausfallengagement für fehlende staatliche Leistungen sein - das könne man sich von den Niederländern abgucken. 

„Wenn Du freiwillig arbeitest, musst Du Ahnung davon haben."

Anschließend diskutieren Vertreter von deutschen und niederländischen Organisationen zum Thema: „Lust oder Last am Ehrenamt? Rahmenbedingungen und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in NRW und den Niederlanden". Grundsätzlich, so Jos Verbeeten von Euregio Rhein-Waal, sei die Lebensqualität in Deutschland und in den Niederlanden ungefähr gleich, es gäbe aber kulturelle Unterschiede. Die Niederländer seien nicht so strukturiert, dafür sei das Gemeinschaftsgefühl stärker. Das bürgerschaftliche Engagement sei in Holland leicht höher, weil es dort einfacher ist, Vereine zu gründen, glaubt Henk Kinds von Community Partnership Consultants. Ein Beispiel ist die Organisation EPECS. Sie kämpft für günstigere Voraussetzungen in der grenzüberschreitenden und europäisch orientierten Gesundheitsversorgung. Ihr Vorsitzender Klaus Bremen betont, dass die Stellung der Patienten gegenüber Krankenhäusern gestärkt werden müsse. Sein politisches Ziel sei ein Projekt zur Krankenhausfinanzierung in den Niederlanden.

Am Ende dieser Gesprächsrunde wissen wir, dass Deutschland an zweiter Stelle der Freiwilligkeit steht. Annette Angermann von der Beobachtungsstelle für gesellschaftspolitische Entwicklungen in Europa betont, dass die Deutschen wie Techniker denken: „Wenn Du freiwillig arbeitest, musst Du Ahnung davon haben." In den Niederlanden gäbe es zum Beispiel seit 2011 ein verpflichtendes ehrenamtliches Engagement für Langzeitarbeitslose. Gleichzeitig weist Frau Angermann auf die kulturellen Unterschiede hin. Arbeitsverpflichtungen seien in Deutschland aufgrund des Zweiten Weltkrieges verpönt. Wir erfahren, dass die südeuropäischen Staaten weniger engagiert sind, weil die Familie dort einen höheren Stellenwert habe und dass die osteuropäischen Staaten noch nicht so weit seien.

Das Publikum wird aufgefordert Fragen zu stellen. Vor der Bühne herrscht betretenes Schweigen. Ich gebe zu, ich habe mich auch nicht richtig vorbereitet. Es hätte sich zum Beispiel angeboten, die Diskussionsteilnehmer zu fragen, ob das Ziel die Freiwilligentätigkeit in der EU stärker ins Bewusstsein zu rücken erreicht wurde?

Steins Reformwerk war von dem Gedanken getragen, dass alles staatliche Wirken ohne die tätige Mitwirkung freier Bürgerinnen und Bürger nutzlos sei.

Vor den Fenstern schimmert es grau, als es nach eineinhalb Stunden eine Mittagspause gibt. Bei Salat und Suppe beobachte ich die Anwesenden. Mir wird bewusst, dass es vor allem ältere Menschen sind, die sich ehrenamtlich engagieren. Schätzungsweise ¾ der Besucher sind über 40 Jahre alt. Zwei Themenforen gehen sehr genau darauf ein: „Engagiert und kreativ – Generationen verändern Altersbilder" sowie „Vom Beruf in den Ruhestand – wer sich engagiert, lebt glücklicher". Die Gäste hatten im Vorfeld die Auswahl zwischen acht Themenforen. Ich habe mich für die Nummer sechs: „Engagement braucht Rahmenbedingungen – Fokus Kommune" entschieden. Vom Buffet gestärkt, begebe ich mich in die erste Etage. In dem Raum sitzen ungefähr 30 Leute. Wir werden von der Moderatorin Annette Mörchen gebeten, uns kurz einzugruppieren. Acht Vertreter einer Kommune, 15 Freiwillige, ein Vertreter vom Rat, ein Repräsentant des Stadtrates und ein Abgesandter der Landesentwicklungsgesellschaft.

Frau Mörchen erinnert an den Freiherrn von Stein. Er sah in der tatkräftigen Anteilnahme der Bürgerinnen und Bürger eine Grundvoraussetzung für die Gesundheit des ganzen Staatswesens. Steins Reformwerk war von dem Gedanken getragen, dass alles staatliche Wirken ohne die tätige Mitwirkung freier Bürgerinnen und Bürger nutzlos sei.

Möglicherweise hat sich die Bürgermeisterin der Stadt Rheine an dieser Vision orientiert, als sie eine Stabsstelle für Bürgerengagement einrichtete. Ihre persönliche Referentin Wiebke Gehrke ist seit fünfzehn Jahren bei der Stadtverwaltung in Rheine tätig. Sie teilt sich die Stabsstelle für Bürgerengagement mit Siegemar Schribbe. Während Wiebke Gehrke spricht, wird deutlich, wie entschieden sie und ihr Kollege das vorhandene Engagement ausbauen und gleichzeitig versuchen, neue Engagementformen zu fördern. Zum Beispiel gibt es Projekte wie das „Jobpaten – Projekt", als Begleitung bei der Berufsorientierung. 450 eingetragene Vereine gibt es in Rheine – traditionell ist vor allem der kirchlich soziale Bereich stark vertreten. Rheine verfügt über eine aktive Beteiligungskultur aufgrund verschiedener Beiräte (Senioren-, Familienbeirat, Beirat für Menschen mit Behinderung, Integrationsrat, Stadtteilbeiräte). Während ich den Schilderungen von Frau Gehrke lausche, wird mir klar, dass die 76.000 Einwohnerstadt zu recht als Vorbild für andere Städte und Kommunen fungieren kann und das Rezept ist simpel: Ideen aus der Bürgerschaft wurden aufgenommen, es gibt eine Ehrenamtskarte, eine Freiwilligenbörse, gezielte Öffentlichkeitsarbeit durch ein wöchentliches Angebot in der lokalen Zeitung, einen Tag des Ehrenamts sowie eine Woche des bürgerschaftlichen Engagements.

Nach acht Stunden Kongress denke ich optimistisch über das bürgerschaftliche Engagement Europas. Das europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit hat seine Mission nicht komplett erfüllt. Junge Menschen für das Ehrenamt zu gewinnen, wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Die Freiräume für ehrenamtliches Engagement sind durch weniger Schuljahre und ein strukturiertes Studium gegeben und müssen nur noch mit Leben gefüllt werden. Die Stadt Rheine hat in vielerlei Hinsicht Vorbildcharakter.

Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Additional information