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Düsseldorf, 21.10.2008, KERIM KORTEL

Anonymität ist das erste Gebot
"Stay" hat ein Netzwerk geknüpft, in dem Mediziner Menschen helfen, die Angst vor der Abschiebung haben.
Wer ist diese Frau? Warum läuft sie zu Fuß und steigt nicht in die Straßenbahn? Und warum geht sie nicht zum Arzt, obwohl sie im dritten Monat schwanger ist? Es ist die Angst vor der Abschiebung, die hinter jeder Straßenecke lauert,

die drohend bei jeder Personenkontrolle auf sie wartet. Denn Andrea (Name geändert) hat keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland, sie ist illegal hier.

http://www.stay-duesseldorf.de/"Die Ungerechtigkeit vor der eigenen Haustür", nennt es Alex Rosen vom Medinetz Düsseldorf. Jeden Dienstag wartet der Kinderarzt oder einer seiner Kollegen im Büro der Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative "Stay!" auf Menschen, die aus Angst vor der Abschiebung nicht zum Arzt gehen können.

Ungewisse Zukunft statt glückliche Ehe
Die 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter vom Medinetz vermitteln seit vier Monaten illegale Migranten an Ärzte, die sich bereit erklären, die Patienten anonym und oft kostenlos zu behandeln.

So auch Andrea, die aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt. Ihr Freund Ivo (Name ebenfalls geändert) lebt seit 2001 legal in Düsseldorf, nun ist sie nachgekommen. Aber aus der geplanten Hochzeit wird erstmal nichts, denn Andrea hat keine Aufenthaltsgenehmigung.

Statt einer glücklichen Ehe erwartet sie eine ungewisse Zukunft. Weil sie im dritten Monat schwanger ist, braucht sie eine Vorsorgeuntersuchung. Doch ohne Papiere keine Krankenversicherung und ohne Versichertenkarte keine Untersuchung.

"Es ist eine panische Angst vor allem, was offiziell aussieht", erklärt Alex Rosen die Gefühle der Migranten. "Sobald sie von der Sprechstundenhilfe nach Namen und Krankenkasse gefragt werden, fühlen sie sich in Gefahr." Und diese Gefahr besteht nicht nur beim Arzt, sondern auch bei der Kartenkontrolle in der Straßenbahn oder bei der Personenkontrolle im Hauptbahnhof.

"Wir bemerken sie nicht"
"Illegale Einwanderer leben unter uns, aber wir bemerken sie nicht, denn sie fallen nicht auf. Jeder Gang über eine Straße bei roter Ampel kann die Abschiebung bedeuten", so der Kinderarzt.

Die evangelische Flüchtlingsberatung schätzt die Zahl der illegalen Ausländer in Düsseldorf auf mehrere Tausend. Die meisten kommen mit einem Touristenvisum oder Asylantrag nach Deutschland und tauchen unter, wenn die Abschiebung droht.

Da sie keine Sozialleistungen bekommen, arbeiten sie schwarz - in der Pflege, der Gastronomie oder auf Baustellen, wo sie häufig der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert sind und mit einem Billiglohn abgespeist werden. Wenn sie Kinder haben, dürfen die nur nachmittags auf die Straße: Vormittags fallen sie auf, denn sie gehen nicht zur Schule.

Gespräch im Hinterzimmer
Die totale Anonymität - das ist das erste Gebot für diese Menschen. Und so muss auch der Mann von der Zeitung ins Hinterzimmer verschwinden, als Andrea und Ivo das Büro von "Stay!" betreten. Nach einer halben Stunde ist das Gespräch zu Ende, die Mitarbeiter vom Medinetz haben schon eine Frauenärztin gefunden, die die Schwangerschaftsvorsorge kostenlos übernehmen wird. Andrea bekommt eine offizielle Überweisung, die sie der Sprechstundenhilfe vorzeigen kann.

"Wir haben bisher etwa zwanzig Ärzte in unserem Netzwerk", erzählt Alex Rosen. Er wünscht sich, dass es 50 werden. Bei teureren Behandlungen beteiligt sich das Medinetz aus einem Pool von Spendengeldern, aber auch die Patienten zahlen ihren Teil.

Sozialamt informiert das Ausländeramt
Andrea hofft, bis zur Geburt eine Duldung zu bekommen. Wenn das nicht gelingt, wird das Medinetz wieder helfen, denn die 6000 Euro für eine Geburt kann sich das Paar nicht leisten. "So eine große Summe mussten wir bisher noch nicht auftreiben, das wäre Neuland", gibt Alex Rosen zu. Aber er ist zuversichtlich, auch hier einen Weg zu finden.

Eine andere Möglichkeit gibt es für Andrea und Ivo auch nicht. Dazu Rosen: "Keine Klinik würde eine Schwangere zurückweisen. Aber wenn es dann an die Bezahlung geht, wird das Sozialamt angerufen, und die informieren wiederum das Ausländeramt." Und dort erwartet Andrea die Abschiebung, vor der sie sich an jeder Straßenecke und bei jeder Personenkontrolle fürchtet.

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