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Der Ehrenamt-Vermittler

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Neue Rhein Zeitung, Panorama, 01.09.2008, THORSTEN LENZE

SOZIALES. Jörg Miller von der Uni Essen sagt, wo Hilfe nötig ist. Wer mitmacht, kann damit sein Bachelor-Studium verkürzen.

ESSEN. Eigennutz und Ehrenamt passen manchmal ganz gut zusammen, findet Jörg Miller. Bei dem 36-jährigen Diplom-Pädagogen kommen ganz unterschiedliche Typen vorbei: Gutherzige, die einfach nur helfen wollen. Studenten, die für ihr Engagement einen Uni-Schein wollen. Und diejenigen, die ihren Lebenslauf aufhübschen möchten.

 

Bei Jörg Miller sind sie erst einmal alle willkommen. Der Essener ist Ehrenamt-Vermittler.

NRZ Der Ehrenamts-Vermittler (Friedhelm Zingler)
Während die Eltern quatschen, kümmert
sich Mathias Köbnick um die kleine Asal
(elf Monate). (Fotos: Friedhelm Zingler)

Der Mann kann sich nicht beklagen. Seit zwei Jahren läuft das Modellprojekt "Uniaktiv" an der Uni Duisburg-Essen, das Gebäude, in dem Miller arbeitet, ist ein schmucker, lichtdurchfluteter Glaskasten, der auf Stelzen in einem See auf dem Campus steht. Es gibt Computer, Internetanschluss und Kaffee. Hier schauen Studis gerne vorbei.

Beide Seiten profitieren.

"Dabei sind wir mehr als nur ein Vermittler", sagt Miller. "Wir wollen bürgerschaftliches Engagement und soziale Verantwortung fördern." Dafür wurde das Ehrenamt in viele Bachelor-Studiengänge eingebunden, das sogenannte "Service Learning" eingeführt. So sollen BWL-Studenten beim Controlling von gemeinnützigen Einrichtungen helfen oder Wirtschaftsinformatiker eine Homepage für den Kulturverein entwerfen. Während die Partner vom Know-how und der Arbeitskraft der Studierenden profitieren, können diese ihr Wissen in der Praxis erproben, soziale und personale Kompetenzen sowie bürgerschaftliche Werte erwerben. Zudem gibt es Credit Points, also das, was früher einmal ein Seminar-Schein war. "Eine Win-win-Situation", sagt Miller. "Das ist völlig okay."

Deshalb setzt sich der Projektleiter auch mit vermeintlichen Egoisten zusammen, die nur soziales Engagement in den Lebenslauf schreiben wollen. "Wir leben in einer Anerkennungskultur, einen Mehrwert sollte es schon geben." Zudem seien die Selbstlosen unter den 500, die bereits in entsprechenden Seminaren waren, ohnehin in der Mehrzahl. Viele kommen an die Uni, engagieren sich, beenden ihr Studium und bleiben dabei. 70 Prozent machen ihr Ehrenamt weiter oder halten Kontakt.

Mathias Köbnick, 24, ist einer der Studenten, die über Uniaktiv ein Ehrenamt übernommen haben. "Ich war in einem Seminar über Projektarbeit", sagt der Essener. Dort wurde die Tiegelschule vorgestellt. Eine Grundschule, an der eine - wie Miller es nennt - heterogene Mischung herrscht. Man könnte auch sagen, das Miteinander der verschiedenen Kulturen ist nicht immer einfach. Köbnick und drei weitere Studis hatten eine Idee. Sie richteten ein Elterncafe? ein. Regelmäßig sollten sich Mütter und Väter der Schulkinder zu Kaffee und Kuchen treffen und reden. Gut fürs Miteinander, fand Köbnick, "das wird nichts", glaubte die Frau vom Offenen Ganztag.

Wurde aber doch was: Beim ersten Treffen waren drei Eltern da. Zwei Griechinnen und eine Türkin, die aus der Heimat erzählten, Spaß hatten und das weitersagten. Zum zweiten Treffen kamen 15 Eltern, zum dritten noch mehr. Das Projekt funktioniert. "Ich investiere fünf Wochenstunden ins Ehrenamt", rechnet Lehramtsstudent Köbnick vor. Er bereut nicht eine davon: "Das eröffnet neue Horizonte und hilft mir später im Beruf."

"Genau darum geht es", sagt Vermittler Miller, "im Rahmen der Bachelor-Studiengänge wird es immer wichtiger, mehr als nur langweilige Theorie anzubieten." Deshalb kommen viele Studenten zu ihm, die sich vom ersten Unifrust mit Nützlichem ablenken wollen.

Uniaktiv funktioniert nur in zwei Richtungen, betont Miller: "Soziale Einrichtungen müssen uns sagen, wo Bedarf an einem Ehrenamt besteht." So wie Rainer Klatt, Schulleiter der Tiegelschule. Er hat seine Stelle vor einem Jahr angetreten: "Ich habe gehofft, dass eine Kooperation mit der benachbarten Uni zustandekommt. Einfach wunderbar." (NRZ)DAS IST UNIAKTIV Die Stiftung Mercator fördert das Projekt "Uniaktiv" für drei Jahre. Nächstes Jahr läuft die Förderung aus. Weiterhin sucht Uniaktiv gemeinnützige Einrichtungen mit Bedarf an ehrenamtlichen Mitarbeitern. Weitere Infos im Internet unter www.uniaktiv.org oder unter Tel: 0201/183 22 20.